Führung durch den ehemaligen Abschiebetrakt für Männer. (Foto: Rolf Oeser)

Klapperfeld Frankfurt

Die Initiative „Faites votre jeu!“ feiert das achtjährige Bestehen des selbstverwalteten Klapperfeld in Frankfurt. Aus dem einstigen Gefängnis ist ein Kulturzentrum geworden.

Ein unscheinbares, heruntergekommes Gebäude im Gerichtsbezirk. Ein offenes Eingangstor in den Hof, die Wände beklebt mit Postern und Stickern. Zwei junge Frauen verlangen Eintritt: ein bis acht Euro. „Soli“, heißt das hier. Kein Geld, um Profit zu machen, sondern um die Kosten zu decken. Und ein Euro geht an den Förderverein Roma, der seit einem Vierteljahrhundert Integrationsarbeit leistet und gerade neue Räume sucht.

Die Räume des ehemaligen Polizeigefängnisses Klapperfeld haben die Aktivisten von „Faites votre jeu“ vor acht Jahren gefunden. Wie jedes Jahr feiern sie auch an diesem Samstag im August ihren „Geburtstag“ mit einem Sommerfest. Im Hof mit den hohen Mauern sitzen viele Besucher beisammen, trinken, rauchen und tun sich an den Essensständen gütlich: Veganes Chili sin Carne, vegane Hot Dogs, vegane und auch vegetarische Böreks. Es spielen Livebands.

Bei so ungezwungener Atmosphäre kann man leicht vergessen, dass es sich um einen Ort der Gefangenschaft gehandelt hat. Aber auch dagegen gibt es ein Mittel: Führungen durch den Bau. Im Kellergeschoss gibt es eine Ausstellung, die die Historie von 1866 bis 1945 dokumentiert. In der NS-Zeit wurden die Insassen hier gefoltert und von hier aus in Konzentrationslager deportiert. Im ersten Obergeschoss ist eine Gastausstellung zu Sinti und Roma im Holocaust zu sehen. Im zweiten Obergeschoss ist seit Januar 2015 eine Dauerausstellung eingerichtet, die die Zeit nach dem Krieg behandelt, als das Klapperfeld als Abschiebegefängnis gedient hat. Die Zellenwände mit den Botschaften der Insassen sind immer noch erhalten und wurden transkribiert.

Kann man an so einem Ort feiern? „Es gab damals eine heftige Auseinandersetzung“, sagt Jörg Schmidt. „Manche Leute sind deswegen ausgestiegen.“ Der 34-Jährige war damals von Anfang an dabei, als eine Gruppe das damals leerstehende Jugendzentrum Bockenheim besetzt hat, um für autonome Räume zu kämpfen. In den Verhandlungen hat die Stadt den Besetzern das brachliegende Gefängnis angeboten. „Auch ich war damals nicht der größte Befürworter“, sagt er.

Konzerte und Partys an einem Ort zu veranstalten, an dem Menschen eingesperrt, unterdrückt und gefoltert worden sind, das sei nur möglich gewesen, wenn die Geschichte zu einem integralen Bestandteil des Zentrums wurde.

Also arbeiteten die Aktivisten die Historie auf und machten sie der Öffentlichkeit zugänglich. Mit Erfolg: „Die Geschichte des Ortes wird nach außen getragen“, sagt Friederike Boll. „In der Stadtgesellschaft ist sie auf großes Interesse gestoßen. So kommen auch Leute in ein autonomes Zentrum, die sonst nicht viel damit zu tun haben.“ Die zentrale Lage an der Konstablerwache sei dabei ein Erfolgsfaktor.

Seitdem finden viele Veranstaltungen statt, die Räume werden unter anderem für Sport, Bandproben und eine Fahrradwerkstatt genutzt. Die Nachfrage nach Räumen sei größer als die Kapazität, sagen sie. Wie man sich nach all den Jahren im Klapperfeld fühlt? Friederike sagt, sie erlebe immer wieder „gruselige Momente“. In manchen Räumen vergesse man das Gefängnis, in anderen sei es präsent bis heute.

Die historische Forschung geht weiter. Bis zum zehnjährigen Jubiläum wolle man, so Jörg, die Dauerausstellung im Kellergeschoss grundlegend überarbeiten. Dann sollen auch einige neue Erkenntnisse einfließen.


Frankfurter Rundschau, 07.08.2016
Von Lukas Gedziorowski

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